Zu Gast bei … Helen Prinzessin zu Oettingen-Wallerstein

HOWHelen Prinzessin zu Oettingen-Wallerstein ist Architektin und baut u.a. Hotels für anspruchsvolle Gäste. Sie verrät uns, wo sie selber eincheckt und was sie über verglaste Duschkabinen mitten im Hotelzimmer, russische Oligarchen im Schlappenlook in der Lobby und die Hotelsuite als Alternative zum Altersheim denkt.

Coco Chanel wohnte 37 Jahre in einer Suite des Hotels Ritz in Paris. Wäre das für Sie eine denkbare Lebensform? Coco Chanel wohnte in einer anderen Zeit im Ritz. Damals hat man in Hotels noch einen ganz anderen persönlichen Service bekommen. Ich könnte mir ein Leben im Hotel vorstellen, aber erst ab einem gewissen Alter und vorausgesetzt, ich hätte das Geld dazu. Wir leben heute alle in anderen Lebensformen. Früher war es die Großfamilie, die einen aufgefangen hat, wenn man alt war, aber das haben wir nicht mehr. Ich kenne eine Dame, die hat, nachdem sie verwitwet war, in München im Vierjahreszeiten in einer Riesensuite gewohnt. Sie wollte ein unabhängiges Leben führen, hat ihr Frühstück ans Bett bekommen und wenn sie Freunde eingeladen hat, hat sie unten angerufen und gesagt: „Ich brauche einen Tisch für Acht.“ Ein englischer Freund von mir hat am Schluss statt des Altersheims eine schöne Suite im Claridge´s bezogen. Er brauchte kein Hauspersonal mehr und musste sich um nichts kümmern. Wenn ihm oben in seiner Suite langweilig wurde, hat er sich unten in die Hotelhalle gesetzt und hatte eine Inspiration. Ich halte das für ein geniales Alterskonzept.

Welche Details tragen dazu bei, dass Sie sich in einem Hotel wie im siebten Himmel fühlen? Das ist schwierig zu beantworten, denn ich könnte eine endlose Liste anführen. Für mich muss vor allem das Interieur eines Hotels stimmig sein. Dabei ist es irrelevant, ob es sich um modern stimmig, antik stimmig oder einen stimmigen Mix handelt. Stimmig heißt für mich. Es muss eine gewisse Authentizität haben und es muss eine Handschrift dahinter stehen. Darüber hinaus gibt es nichts Horribleres als eine schlechte Matratze. Eine Matratze sollte den Rücken stützen, atmungsaktiv und nicht so bockhart sein, dass man sich das Kreuz abbricht, sich in der Früh nicht mehr rühren kann oder sich den Hüftknochen wundgelegen hat. Dann gute Bettwäsche. Also was gar nicht geht, ist ein Frotteespannlaken mit Kunstfaseranteil, auf dem man stark schwitzt. Ekelhaft, geht gar nicht. Wenn ich businessmäßig unterwegs bin, ist mir das Hotel eigentlich relativ egal. Warum? Ich komme dort spät an und will ein anständiges Bad haben. Dass das Bad gut gemacht ist, ist mir ganz wichtig. Sie werden jetzt lachen, was ich als Beispiel anführe, nämlich das Motel One. Die Bäder sind winzig, miniminimini, aber alles was da drin ist, ist supergut. Duschköpfe von Axor, gute Wasserhähne, die Platznutzung optimal. Wichtig ist auch ein Service, der funktioniert. Mir nutzen die beste Einrichtung und das beste Bad nichts, wenn ich 2 Stunden auf meinen Koffer warten muss. Oder dass es Stunden dauert, wenn ich mir einen Tee ins Zimmer bestelle, sollte der mir überhaupt geliefert werden. Zuhause mache ich natürlich meinen Kaffee selber, aber ich gehe ja in ein Hotel, weil ich den Service haben will und je mehr Sterne das Hotel hat, desto besser muss der Service sein.

Was ärgert Sie in Hotels? Die meisten Hotels sind von Männern konzipiert. Das zeigt sich z.B. bei der Verwendung von Materialien und Möbeln, die selten ein „Wohlgefühl“ verströmen und bei der Beleuchtung in den Bädern. Es gibt nichts Entsetzlicheres als wenn man in einem Hotelbad steht und in der Früh verschlafen versucht, sein Make up halbwegs ins Gesicht zu bekommen und man sieht nichts. Und steht dann auf der Straße und guckt sich mal kurz im Spiegel an und sieht aus wie Charlie Rivel auf Urlaub, weil man einfach von allem zu viel erwischt hat. Ebenso grauenvoll sind Bäder, in denen ich nichts ablegen kann. Angenommen ich bin privat unterwegs und muss abends irgendwo hin und mich umziehen und Haare machen, dann komme ich ja mit einem Haufen Gerümpel an. Dann stehe ich da in dem Bad, und es geht schon mal damit los, dass ich alles am Boden abstellen muss. Es fehlen die Ablageflächen. Anscheinend darf man heute nur noch mit einer Zahnbürste reisen. Das macht mich wahnsinnig.

In Designhotels ist es Mode geworden, mitten in den Raum eine verglaste Duschkabine zu platzieren. Was halten Sie davon? Designerisch sind sie eine gute Lösung für kleine Hotelzimmer, aber eigentlich sind sie eine Zumutung. Es hat was von einem Aquarium. Auch wenn ich noch so innigst verliebt bin, will ich doch nicht unbedingt meinem Partner bei seiner Körperpflege zuschauen. Es gibt Menschen, die haben gerne ihre Privatsphäre, da gehöre ich dazu. Nicht weil ich jetzt, auf bayerisch sagt man, gschamig bin, sondern einfach weil ich finde, es ist auch ein Erotikkiller. Wenn ein Mann einer Frau schon beim Rasieren der Beine und der Schamhaare zuschauen muss, dann ist einfach Schluss mit lustig. Dusche und WC gehören in abgeschlossene Bereiche.

Brauchen Sie unbedingt W-Lan und ein Breitwand-TV mit 200 Kanälen im Hotelzimmer? W-Lan unbedingt und zwar frei. Ich finde Hotels, die sich heute noch erdreisten, dem Hotelgast für 48 Stunden 30 Euro abzuknüpfen, sind ein Saustall. Zumindest im Fünf Sterne-Bereich geht das gar nicht, denn Internetzugang ist für uns heute eine Notwendigkeit geworden. In den Ferien schaue ich überhaupt kein Fernsehen. Bin ich beruflich unterwegs, hat das was sehr Entspannendes.

Wie reagieren Sie, wenn Sie in einem Fünf-Sterne-Haus für eine kleine Flasche Mineralwasser aus der Minibar 8 Euro bezahlen sollen? Ich ärgere mich, aber wenn ich sie halt trinken will, trinke ich sie. Sagen wir mal so: In Hotels, in denen die Flasche 8 Euro kostet, bin ich schon im Fünf Sterne-Bereich. Wenn ich für das Zimmer 600 Euro zahle und mir die 8 Euro für das Wasser nicht mehr leisten kann, dann habe ich mir das falsche Hotel rausgesucht. Da bin ich knallhart, da würde ich sagen, vielleicht das nächste Mal besser eine Buchung im Vier oder Drei Sterne-Hotel, denn da kostet die Flasche auch weniger. Aber es ist ärgerlich, ja. Wenn die Hotels was wären, würden sie uns die Flasche schenken.

Lieber ins Sieben-Sterne-Haus in Dubai oder ins Briol nach Südtirol? Dubai finde ich so artifiziell, da fahre ich nicht hin. Dubai kann sieben oder tausend Sterne haben, es ist für mich prinzipiell kein Konzept, um Urlaub zu machen. Es wäre so, als ob ich nach New York führe, um mich dort im Central Park an einen Pond zu legen, um mich zu erholen. Das Briol ist natürlich das komplett andere Extrem. Ich finde es toll für Leute, die aus der Stadt kommen und jeglichen Kontakt zum Ursprünglichen verloren haben. Das ist bei mir nicht der Fall, ich komme vom Land. Wenn ich einen Hüttenurlaub machen will, gehe ich eine Woche auf eine Almhütte, schlafe im Heu, mache mit dem Senner die Butter und gehe mit den Kühen raus. Das ist ein Ferienkonzept, das ich absolut in Ordnung finde. Es ist sehr heilend und gut fürs Zu-sich-finden.

Waren Sie schon einmal in einem Hotelzimmer, in dem Ihnen die Bilder an den Wänden gefallen haben? Nein. Deshalb arbeiten wir gerade an einem neuen Hotelkonzept, das Frauen und Kunst als zentrales Thema hat.

Vladimir Nabokov lebte 17 Jahre im feudalen Palace Hotel in Montreux. Er notierte: „Pflichten des Gastes: ordentliche Erscheinung.“ Würden Sie ein Luxushotel, in dem Touristen in Hawaiihemd und Schlappen in der Halle sitzen, ein zweites Mal besuchen? Vor einigen Jahren war ich im Reids in Madeira. Da muss man sich ja abends noch umziehen, es herrscht Krawattenpflicht. Vor der Tür zum Restaurant stand eine russische Familie, die Eltern in Shorts und T-Shirts, die Kinder hatten Turnschuhe mit Leuchtioden an. Der Maitre d` in seinem Frack wusste nicht, wo er hinschauen sollte. Aber natürlich ließ er sie rein, weil es einfach gut zahlende Gäste waren. Die Welt hat sich geändert. Ich bin jemand, der in jeder Form Eleganz sehr schätzt. Sie steht für mich für Respekt vor dem anderen und Respekt vor sich selber. Heute sind Leute, die ein Hawaiihemd anhaben und mit Schlappen rumlaufen, die, die den dicksten Geldbeutel haben. Nachdem wir geldbeutelabhängig sind, und zwar wir alle, muss ich auch das akzeptieren. Gefallen tut es mir nicht. Als ich Kind war und wir in guten Hotels abgestiegen sind, kamen die Leute hochelegant angezogen. Das gab es überhaupt nicht, dass jemand mit Jeans in die Hotelhalle hineingegangen ist. Ein Hotel, das immer noch sehr elegant ist, ist das Brenner´s Parkhotel in Baden Baden. Da sehen Sie wenig Leute, die im Schlappen-Look herumlaufen. Wohingegen je internationaler Sie werden, da haben Sie das mit der Schlappe ganz schnell. Es schüttelt mich, aber ich muss es akzeptieren.

Aristokratie, Dandys, Schauspielerinnen, Politiker, russische Oligarchen – was ist in Ihren Augen der beste Gästemix? Große Hotels waren immer ein melting pot. Ob Sie den russischen Oligarchen nehmen oder den russsischen Landbesitzer im 19. Jahrhundert, der war auch schräg angesehen. Warum? Weil die Russen aus einer anderen Kultur kommen, die auf uns laut und neureich wirkt. Zu viel Schmuck, zu viel ALLES. Doch für Hotels ist der Mix wichtig. Den einen mag ich, den andern nicht, aber im Endeffekt ist ein Hotel doch wie ein Filmskript. Im Film sind ja auch mehrere Schauspieler.

Gibt ein guter Hotelgast Trinkgeld? Unbedingt. Es ist ein Zeichen der Wertschätzung, die ich denen angedeihen lasse, die in einem Hotel am unteren Gehaltslevel arbeiten.

Legen Sie Wert auf einen Early Morning Tea oder Coffee und eine Tageszeitung vor Ihrer Zimmertür? Vor meiner Zimmertür nicht, sondern wenn, dann kommt der Kellner ins Zimmer und bringt mir das ans Bett und macht den Vorhang auf. Ich hole es mir nicht von der Zimmertür. Frühstück im Frühstücksraum – bitte nicht, ganz furchtbar. Das mache ich nur, wenn ich beruflich unterwegs bin. Ich bin jetzt nicht jemand, der in ein Drei Sterne-Hotel geht und sich beschwert, weil ich das Frühstück nicht im Zimmer haben kann. Aber wenn ich in einem Luxushotel bin und es ist möglich, dann gehe ich nicht runter zum Frühstücken, dann sieht mich keiner vorm späten Vormittag.

Das beste Buch, das in einem Hotel spielt? Turgenjews „Rauch“. Es spielt im „Europäischen Hof“ in Baden Baden. Er beschreibt darin sarkastisch und zynisch die Absurdität der wie in einer Kaste lebenden russischen Aristokratie des ausgehenden 19. Jahrhunderts und macht sich lustig über deren Dekadenz.

In welcher Stadt oder in welcher Gegend gibt es die schönsten Hotels? Wir haben mittlerweile auf der ganzen Welt schöne Hotels. In Deutschland gibt es die wenigsten Hotels im Luxusbereich. Ich glaube, es liegt daran, dass bei uns die Renditen für Hotels nicht sehr prickelnd sind, denn zum einen sind die Lohnkosten enorm hoch, aber viel wichtiger ist, dass Deutsche nicht bereit sind, die hohen Zimmerpreise zu bezahlen. Wo hier die Schmerzgrenze erreicht ist, fangen in Städten wie London, Paris oder Mailand die Zimmerpreise gerade erst an. Da zahlen Sie 600-800 Euro die Nacht für ein Hotelzimmer im Fünf/Sechs Sterne – Bereich. Wenn Sie das hier aufs Tapez bringen, denken die Leute, Sie haben einen an der Waffel.

Ihr Lieblingshotel in London? Das Savoy nach der Renovierung, genial. Auch sehr interessant das Café Royal von David Chipperfield, ein historischer Bau, sehr kontemporär innen, toll gemacht. Und 11 Cadogan Gardens. Es wirkt wie ein Privathaus. It´s my favourite hotel. Es ist, wie wenn ich nach Hause komme.

Welche menschlichen Verhaltensweisen studieren Sie gerne in Hotels? Mich fasziniert, wenn ich mal dazu komme, Leute zu beobachten, der hektische Geschäftsmann, wie der überreagiert an der Rezeption. Oder Paare zu beobachten finde ich herrlich. Da kann man Rückschlüsse ziehen, wie lang die schon zusammen sind, ob sie happy oder unhappy sind – wunderbar.

Das schönste historische Hotel? Villa Gherardesca in Florenz. Das Gritti. Das Bauer Venice. Auch das Sacher in Wien, das Hauptgebäude. Die Penthäuser sind nicht ganz so prickelnd.

Zur Person: Helen Prinzessin zu Oettingen-Wallerstein ist CEO und Head of Design der Firma „HOW Signature Properites“ in München. Die studierte Architektin, Innenarchitektin und Immobilien-Ökonomin und ihr Team sind spezialisiert auf die Revitalisierung historischer Anlagen und Hotels. Zu den Objekte, die sie realisiert hat, gehören „Gräflicher Park Hotel&Spa“ in Bad Driburg und das Hotel Bühler Höhe in Baden-Baden.

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