Wie ich die italienische Wirtschaft ankurbele und den Euro rette

P1010973In Venedig wimmelt es nur so vor Bekleidungsgeschäften. Sehr merkwürdig für eine Stadt, in der außer Donna Leon, Ulrich Tukur und Touristen schon seit Jahren niemand mehr wohnt. Warum florieren gerade hier die kleinen, feinen Bekleidungsgeschäfte mit ihrem Angebot an Textilien, die eigentlich niemand braucht? Bestickte Taschentücher, weiße Blusen mit Krägen aus geklöppelter Spitze, Seidenschals mit Paisleymuster, geflochtene Gürtel oder maßgeschneiderte Hemden mit eingesticktem Monogramm. Ich selbst kaufe in Venedig immer wieder Handschuhe. Hauchdünne, kalbslederne Sommerhandschuhe in zarten Pastellfarben. Zu Hause betrachte ich sie verwundert und lege sie in die Schublade zu den Erwerbungen aus den Vorjahren. Zu Hause wirken sie lächerlich, übertrieben. Zu Hause trage ich im Sommer keine Handschuhe. Im Winter trage ich dunkelblaue mit Lammfell gefütterte Fäustlinge von UGGs.

Warum verbringe ich in Venedig ganze Tage in Handschuhgeschäften und kaufe ein, was mit meinem Alltag nichts zu tun hat? Weil ich ein wehrloses Opfer dieser Stadt bin! Die Paläste mit ihrer Schönheit hypnotisieren mich; das Plätschern der Wellen lullt mich ein; die marmornen Säulen, Pilaster und Statuen zeigen mir die Unterlegenheit meiner Anatomie – jedermanns Anatomie – auf; es gibt ein Übermaß an goldenen Spiegeln, in denen ich Heilige, Engel, Cherubine sehe – und daneben mich.

In Venedig shoppe ich wie jeder Tourist aus reinem Überlebenswillen. Die Schönheit der Umgebung ist so überwältigend, dass sie sofort den Wunsch weckt, mithalten zu können. Ich greife nach den mauvefarbenen Handschuhen mit korallenroten Pünktchen und korallenrotem Futter, kaufe gleich noch das passende Seidentuch und falle ins nächste Schuhgeschäft ein, um prächtige, kunstvolle, mauvefarbene Wildlederpumps zu ergattern. Die Form ist zu spitz, der Absatz ist zu hoch, Gehen ist unmöglich. Also warum? Weil der Schuh ein Kunstwerk ist. Ich will ihn nur haben, um ihn anzuschauen. Mein Auge nimmt an, dass all diese Herrlichkeiten aus demselben Stoff gemacht sind wie die Dinge da draußen vor dem Schaufenster. Und am Ende liegt das Auge nicht so falsch. Erst wenn es zu Hause einen Blick auf die Kreditkartenabrechnung wirft, zuckt es.

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