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Mein Leben mit einem Arm

P1030810Die vorgeschichte: In den tagen vor meinem armbruch ging es mir nicht gut. Es gab fragen, über die ich ständig nachgrübelte. Was wird die zukunft bringen? Wird es gut ausgehen? Wird es schlecht ausgehen? War es richtig, schon wieder ferien zu machen? Sollten wir unser geld lieber horten, für den fall, dass wir 20 jahre länger leben oder sollten wir jeden tag so leben, als sei es der letzte? Eine Winterdepression. So brütete ich vor mich hin in den dolomiten.

Das fischleintal ist das romantischste tal der welt. Schreibt der fremdenführer. Ich stapfte missmutig durch den schnee. Bis ich stürzte, auf meinen rechten arm fiel, wie ein maikäfer auf den rücken rollte und nach oben guckte. Ich sah den zwölferkofel mit seinen gezackten spitzen. Mein Gott, wie schön!

Was die leute im hotel sagten. Nach 90 minuten erreichte ich unser hotel. Die rezeptionsdame Frau Fuchs, der hausdiener umberto, das zimmermädchen daria, das jeden abend die betten aufdeckte und unsere pyjamas zu einem neuen bild formte und auf dem oberbett drapierte, die kellner und die österreichischen Ärzte vom nebentisch, die mich spätabends im zimmer besuchten und schmerztabletten brachten. Sie alle sagten: Wenn es ein bruch wäre, könnten Sie es vor schmerzen nicht aushalten.

Ich hasse krankenhäuser. Ich hasse sie. Ich ging erst am nächsten morgen hin, als ich es wirklich vor schmerzen nicht mehr aushielt. Die frau an der pforte bellte: „Anmeldeschein ausfüllen, in die notfallambulanz gehen, nach dem röntgen wieder zu mir kommen und sofort bezahlen!“ „Das wird dauern.“, sagte der röntgenassistent. „der krankenwagen ist grade mit drei beinbrüchen von der piste gekommen.“ Eine stunde später sagte er: „Schwerer Verkehrsunfall, der hat jetzt Vorrang.“ Im Gang beobachtete ich einen halbnackten, alten, auf einer Bahre vergessenen Mann, eine hagere Mitvierzigerin im Rollstuhl mit Halsmanschette und ein junges Mädchen im quietschgelben Skianzug, deren Unterschenkel frisch eingegipst war. Die nackten Zehen guckten aus dem Gips. Die Mutter schob das Mädchen im Rollstuhl. Beide weinten. Alle krankenpfleger trugen kurze, weiße Kittel und hellblaue Latexhandschuhe. Vor was wollten sie sich schützen? Dachten sie, wir hätten alle die Krätze? Schließlich kam ein junger Arzt. Er wirkte gehetzt. Er schaltete den Bildschirm seines Rechners an und zeigte auf die Röntgenbilder. „Anbruch des Handgelenks, bruch des radiusköpfchens im ellebogen. Kategorie A2. Operation nicht erforderlich. Wir legen für drei Wochen eine Schiene an.“ Und zack, war er wieder weg.

Der blick in die zukunft. Wir beschließen, wie geplant, noch eine woche in dem schönen, alten Hotel zu bleiben. Ich werfe einen blick in die zukunft. So wird es also dereinst sein, im altersheim. Vorausgesetzt, ich kann mir ein so luxuriöses altersheim leisten. Beim waschen, ankleiden und frühstücken benötige ich hilfe. Am vormittag lese ich 5 tageszeitungen. Am mittag setze ich mich auf die terrasse und löffle eine leichte brühe. Ab 14 uhr ist ein kuchenbuffet aufgebaut. Ich trinke tee. Der hausdiener schnallt mir die spikes unter die wanderschuhe, ich nehme einen stock und gehe ein paar schritte durch den schnee. Bis zum abendessen viel langeweile, ab 5 läuft der fernseher….

Die folgen eines armbruchs. Wozu ich den rechten arm brauche, merke ich, seitdem er geschient ist und ich ihn nicht mehr benutzen kann. Die liste des grauens: Auto fahren, auf der rechten seite schlafen, mieder schließen, jeans zuknöpfen, kräuterfrischkäse aufs brot streichen, schuhbänder schnüren, nägel säubern und schneiden , schreiben, großbuchstaben tippen, haare waschen, einen Lidstrich ziehen, sich sicher in einer menschenmenge bewegen, den speckknödel in der bouillon in mundgerechte stückchen teilen, fotografieren, sauna, yoga, schwimmen, pizza schneiden.

Ich stehe vor meinem kleiderschrank.
Kein oberteil, kein kleid passt. Die schiene beginnt am handrücken, macht am ellebogen einen 90 grad – winkel, reicht bis unter die achselhöhle und hat am oberarm einen umfang von 70 Zentimetern. Aber halt, im hintersten winkel einer schublade finde ich einen uralten, ausgeleierten strickpulli mit weit geschnittenem arm. Gerettet!

Was eine südtiroler freundin sagt: „Selten ein schaden, wo nicht auch ein nutzen ist.“ Ich verstehe den satz so: wenn du beim wandern ausrutscht und die die knochen brichst, lachen die leute über dich. Aber wenn du ihnen erzählst, du seist beim wandern ausgerutscht und habest dir die knochen gebrochen, lachst du. Denn dadurch wirst du zur heldin statt zum opfer der geschichte.

Oder so: Nach so einem unfall ist sofort wieder klar, um was es im leben geht. Gesund sein und ein umfeld haben, das einem zuvorkommend und selbstverständlich unterstützt.

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