“It´s all Chloe”,

sagte ihr blonder Freund, als ich die minimalistische Wohnungseinrichtung staunend betrachte. Mitten im Rotlichtviertel de Wallen in Amsterdam. Unten in der Straße nur spärlich bekleidete Frauen jeglichen Alters in leuchtend weißer Reizwäsche im Schwarzlicht hinter schmalen Schaufensterscheiben mit roten Gardinen.
Nur mit Kenntnis der richtigen Nummer auf dem Klingelschild öffnet sich mir die Eingangstür eines der eindrucksvollen Grachtenhäuser. Nach dem mühsamen steilen Aufstieg über 4 Etagen auf einer abgebeizten alten Holztreppe mit sehr schmalen Stufen, ist Schuheausziehen ein Muss, denn Chloes weißer Teppichboden (“my sillyness”) führt die Besucherin direkt in den großzügigen lichtdurchfluteten Wohnraum. Spärliche Möblierung; alles atmet Design. “No temporary guests, no parties, no drugs!” – so die Hausregeln der aus Beijing stammenden Mieterin des Appartments. In den Küchenregalen und im Kühlschrank sind Behälter und Gläser mit geheimnisvollen Pasten und Saucen mit chinesischen Schriftzeichen etikettiert und ordentlich aufgereiht. Die großen weißen Teller passen nicht in die Spülmaschine und sollen per Hand abgewaschen werden, im Wasserkocher bitte nur soviel Wasser wie benötigt erwärmen und falls man schon vor der Wohnungstür ist, aber etwas vergessen hat, “no problem” schreibt Chloe, da liegen an der Garderobe doch die praktischen blauen Plastiküberzüge für die Straßenschuhe bereit! Ich darf ganz oben im rundum verglasten, zeltartigen (Ja, es gibt lange, cremefarbene Vorhänge!) Dachgiebelzimmer mit Blick auf die St. Nicolaaskerk P1030264 P1030264residieren. Hier auf dem breiten Bett ist es leicht, über den Dingen zu schweben, abzuheben und den Blick den Flugzeugen folgen zu lassen. In der Nacht werde ich getragen vom Klangteppich der Stimmen des endlosen Besucherstroms, der sich weit unten durch die engen Gassen an den Grachten zieht. Beim Nachhausekommen orientiere ich mich an der Abfolge der Namen der einschlägigen Etablissements: Condomerie links liegen lassen, rechts ab bei der Banana-Bar, dann vorbei am Erotikmuseum, gleich gegenüber des Black-Tiger-Clubs bin ich angekommen. Diese Wohngegend mitten im Amsterdamer Zentrum sei bei gut verdienenden Einwohnern – so der blonde Freund Chloes – heiß begehrt und die oberen Stockwerke könnten nur angemietet werden, wenn man sich in eine Art “Genossenschaft” einkaufe. Da die Mieten dementsprechend besonders hoch seien, freue sich Chloe über die Touristin und kurzfristige Mitbewohnerin, die diese private Unterkunft über das Internet bei Airbnb gefunden hat!
Auf der Leiter darf ich über die Küchenmöbel hinaus durch ein sonst mit großen Läden geschlossenes Fenster auf den überstehenden breiten Rand des Daches klettern und auf de Wallen herab schauen; über das Treiben in der Enge der Straßen hinweg sehen und in der Ferne die Nordsee erahnen, ehe ich wieder den weichen, weißen Teppichboden unter den Füßen spüre. Hier haben alle Dinge ihren Platz. Keine Dekoration, nichts Überflüssiges. Nur die quietschbunte Reihe der, noch in ihrer durchsichtigen Verpackung gefangenen, kleinen Plastikkriegerfiguren auf dem Fenstersims der Toilette, bricht das schwarz-weiße Farbkonzept und lässt auf den Schutz vor bösen Mächten hoffen.
See you, Chloe…

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