Ich ganz allein in the City

P1100017… oder ein Plädoyer für das Allein-Reisen.

Es ist eine Schande, dass ich erst jetzt feststelle, was für ein großes Glück eine Reise sein kann, die man allein unternimmt. Wenn man in der Gesellschaft seines Partners, eines Freundes oder einer Freundin oder seiner Familie unterwegs ist, muss man Absprachen für alle Unternehmungen treffen. Für jeden Tag wird ein Zeitplan besprochen und ein Programm entworfen, bei dem man vielleicht auch mal einen Kompromiss eingeht. Man setzt sich in einen Doppeldeckerbus und macht eine Stadtrundfahrt, verabredet sich für ein Museum, eine Besichtigung oder ein Restaurant. Als allein Reisende hat man dagegen die Freiheit, nur seinem Instinkt zu folgen. Es gibt keinen Plan, keine Diskussion, keine Verantwortung und im besten Fall keine Erwartung. Dafür aber viel Raum für Ungeplantes und Überraschendes.

Eigentlich wollte ich gestern raus auf die Rockaways Halbinsel fahren, aber dann überlegte ich es mir anders und ging doch lieber nur die vier Blocks hoch zum Guggenheim Museum. Das Licht war so überwältigend, dass ich das Gebäude stundenlang aus allen Winkeln fotografierte. Danach schnell in den 2. Stock zu den frühen Kandinskys, wieder raus auf die andere Straßenseite, noch mehr Fotos, bis mir die Frau auf der Parkbank mit dem hellblauen Carbonfahrrad auffiel. Ich fragte die Radfahrerin über ihren Beruf aus, sie ist Expertin für japanische Kunst und hat gerade eine Kimono-Ausstellung im Metropolitan Museum kuratiert. Natürlich besuchte ich sie sofort an und entdeckte eine exquisite Welt. Den Rest des Tages schlenderte ich durch die Madison Avenue und stöberte lange in einem kleinen Buchladen herum. Zur Belohnung fand ich das Buch, hinter dem ich schon so lange her suche.

Allein Reisen ermöglicht einen intensiveren Kontakt mit der eigenen Innenwelt, den Orten, an denen man sich befindet und den Menschen, die man dort trifft, als das in Gesellschaft möglich wäre. Es kann zu einer Reise in die eigene Seele werden. Man tut den ganzen lieben, langen Tag ausschließlich das, was man gerade will und muss nicht groß reden, was eine weitere Wohltat ist. Dabei kommt man auf eine Weise zur Ruhe, wie es mit anderen Menschen nicht möglich wäre, da man allein schon durch ihre Präsenz abgelenkt wird.

Auf dem Foto seht Ihr mich in den Rockaways. Dahin bin ich schließlich heute gefahren. War auch sehr schön!

(Bluse: Marc Aurel)

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