Hausbesuch bei … Donald Judd, 101 Spring Street, SoHo

P1090739“Bitte Taschen und Mäntel abgeben! Auf keinen Fall irgendwas berühren! Fotografieren allerstrengstens verboten!” Es fröstelt bei diesen Worten, was auch am nasskalten Wetter oder an der strengen Dame liegen mag, die uns 6 Besucherinnen durchs Haus führen wird. Assistiert wird sie von einer jungen Frau mit KGB-Miene, deren Aufgabe es ist, keinen Gast aus den Augen zu verlieren. Bei keinem Schritt. Nicht für eine Sekunde. Doch für das, was ich in diesem Haus zu sehen bekomme – museumsreife Kunst, museumsreife Designobjekte und einen Einblick in das private, häusliche Leben des Künstlers Donald Judd und seiner Familie – hätte ich ganz andere Unfreundlichkeiten in Kauf genommen.

Judd hatte das Haus in der Spring Street 1968 gekauft, zu einer Zeit, als die Gegend ein heruntergekommenes Niemandsland war. Er bezahlte 68 000 Dollar für die ehemalige Textilfabrik, für 2600 Quadratmeter verteilt auf 5 Etagen und 2 Kellergeschosse.

Nach seinem Tod 1994 hieß das Viertel rund ums Haus Soho und wurde zum Epizentrum der Kunstszene und zu einem Luxus-Shoppingquartier. Nebenan Prada, Balenciaga und Marc Jacobs. Mittendrin das Haus mit der gusseisernen Fassade, so wie Judd es verlassen hat, mit seiner Kunst, seinen Möbeln und den Arbeiten seiner Künstlerfreunde Carl Andre, Claes Oldenburg, Dan Flavin und Frank Stella, dazu den Büchern in seiner Bibliothek und den Stiften und Linealen auf seinem Stehschreibtisch. Judd umgab sich ausschließlich mit Gegenständen, die seinen ästhetischen Ansprüchen entsprachen. Afrikanische Masken im Treppenhaus, die Zickzack Stühle von Rietveld, alles rechteckig, nüchtern und spärlich. Ein sehr männliches Konzept, wie eine Besucherin bemerkte. Das erste, was Judd morgens nach dem Aufwachen sah, waren die roten und blauen Neonröhren einer Lichtskulptur von Dan Flavin, an die 20 Meter lang, die die Fensterfront seines Schlafraums im obersten Stockwerk des Hauses komplett ausfüllt.

Donald Judds Haus hatte drei Funktionen: Es war Familienwohnsitz, Atelier und Ausstellungsort, wobei jeder Bereich von den übrigen getrennt war und sie doch alle ineinander übergingen. Judd empfing seine Besucher im Erdgeschoss, wo er auch arbeitete, an einem Stehpult vom Sperrmüll. Später nutzte er den Raum als Ausstellungsfläche und verlegte sein Studio in den 3. Stock. Wenn ihm Gäste sympathisch waren, lud er sie in die 1. Etage ein. Hier wie auch in den weiter oben liegenden, immer privateren Räumen sind seine mit wenigen Ausnahmen selbst gebauten Möbel sparsam platziert. Den Mittelpunkt der 1. Etage bildet ein quadratischer Esstisch mit 14 Stühlen, davor ein Daybed mit hohen Rücken- und Seitenlehnen vor einem alten Ofen, daneben die offene Küche. Überhaupt die Küche! Man kann nicht anders, als sie zu bestaunen. Offensichtlich wurden alle Gegenstände sorgfältig ausgesucht, die umfangreiche Messerkollektion, böhmische Gläser und Karaffen, weißes Porzellan, hellgrüne Steingutschüsseln aus Italien.

P1090900Das Gebäude ist lang und schmal, 23 mal 7,60 Meter. Es hat ungewöhnlich viele bis zum Boden reichende Fenster und somit ungewöhnlich gutes Licht. Judd war entschlossen, den rechten Winkel zu erhalten, was bedeutete, Küche, Bäder, Bibliothek und Schränke in jeder Etage in die nordöstliche Hausecke zu platzieren und so den loftartigen Charakter jeder Etage zu erhalten. In die kleinen, privaten Räume baute er Überraschungen ein, beispielsweise in der 1. Etage in der Nähe der Küche einen Schrank mit einer horizontalen Klappe, die seine Kinder öffnen und als Puppentheater benutzen konnten.

Nach 11 Jahren Planung und aufwändiger Restaurierung für 23 Millionen Dollar wurde das Haus 2013 durch die Judd Foundation der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: als architektonisches Juwel und Gesamtkunstwerk. Besucher können es in kleinen Gruppen nach vorheriger Anmeldung besichtigen und haben dann für zwei Stunden Gelegenheit, ein großartiges Haus zu sehen und einen Einblick in einen Lebensentwurf zu nehmen, auf den man staunend, respektvoll, bewundernd oder beklommen reagieren mag. Aber bitte bloß nichts berühren und auf keinen Fall fotografieren.

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