Gut eingefädelt

Emin-Tracey„It was wrong to love – I can´t just fuck – I´m not an animal.“. So steht es, Buchstabe für Buchstabe aus farbigen Flicken ausgeschnitten und fein säuberlich umstickt, auf einem Wandbehang der britischen Künstlerin Tracy Enim (geb. 1963). Das aufrüttelnde textile Kunstwerk wird derzeit in der Kunsthalle der Leineweberstadt Bielefeld gezeigt. Es ist zugleich radikale Bestandsaufnahme, Selbstportrait und Autobiografie in Stoffen. Mit Gedanken wie „All alone.“ und „In Turkey we say when you learn to love a rose you learn to love the thorns.“ legt die Künstlerin die verlorenen Fäden ihres Lebens offen. Die drastischen Aussagen lassen den Betrachter verstört zurück und provozieren Fragen. Was veranlasst die Künstlerin zu ihren exhibitionistischen Bekenntnissen? Ist ihr Leben tatsächlich ein solcher Horrortrip?

„To Open Eyes“ ist der Titel einer sehenswerten Ausstellung, die 250 Werke der Textilkunst von über 50 Künstlern präsentiert. Darunter Arbeiten von Rosemarie Trockel, Christo, Carl Andre und Andrea Zittel, die eigene Ausdrucksformen zum Thema Textil geschaffen haben. So trägt die Präsentation dazu bei, die Augen für die Bedeutung textiler Kunstwerke zu öffnen.

Die ältesten Exponate sind Musterbücher mit Stoffen der Wiener Werkstätten sowie Wandbehänge, Musterkarten und Stoffproben der Bauhäuslerinnen Gunta Stölzl, Anni Albers und Benita Koch-Otte, die von 1936 bis 1957 in Bethel bei Bielefeld die Handweberei für behinderte Menschen leitete. Ihre Arbeiten treffen auf Sonia Delaunays Stoffentwürfe, die das Amsterdamer Luxuskaufhaus Metz&Co, eine seit dem Ende des 19. Jahrhunderts renommierte Adresse für Interieurs, 30 Jahre lang bei ihr in Auftrag gab.

Dawo-Sofie-türkisch-SchrägsichtEnde der 1950er Jahre fand der Schritt von der angewandten zur autonomen Textilkunst statt. Die Ausstellung zeigt den Übergang anhand der Arbeiten von Sofie Dawo (1926-2010). Sie war von 1958 bis 1992 Leiterin der Klasse für Weben und Stoffkunst an den staatlichen Kunstschulen im Saarland. Sie schuf reliefartige, skulpturale Objekte aus unterschiedlichen Materialien wie Wolle, Baumwolle, Nylonfäden, Kammgarne und Kunststoffdrähte und experimentierte mit Techniken wie Knoten, Knüpfen und Weben. Faszinierend für den Betrachter ist es, anhand ihrer Tuschzeichnungen den Erfahrungen der Künstlerin mit dem textilen Material nachzuspüren und Korrespondenzen im textilen und bildnerischen Werk aufzuspüren.

Hicks-Sheila-Cascade-TourquoiseAuch die amerikanische Künstlerin Sheila Hicks, in Yale vom ehemaligen Bauhauslehrer Josef Albers ausgebildet, schafft autonome, von jedem Gebrauchszweck unabhängige textile Kunstwerke. „Cascade turquoise“, meterlange, ineinander verschlungene Stränge aus dickem Garn, sind im Treppenhaus der Bielefelder Kunsthalle so gehängt, das sie das 1. und 2. Stockwerk zu verbinden und mit der Wand zu verschmelzen scheinen.

Zu den textilen Exponaten passt eine Videoarbeit von Rosemarie Trockel. Darin frisst sich eine Motte durch ein Stück Stoff. Sogar die Motte mag textile Kunst. Wir auch.

Ausstellung: To Open Eyes. Kunst und Textil vom Bauhaus bis heute. Noch bis zum 16.2.2014 in der Kunsthalle Bielefeld.

Alle Fotos: Kunsthalle Bielefeld.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.