Frau, Ü60 und selbstbewusst in die Sauna? Eine persönliche Geschichte.

Wahrscheinlich werde ich einfach immer nur von den falschen Leuten eingeladen. Neulich ging ich zum Kaffeeklatsch anlässlich des 50. Geburtstags einer entfernten Bekannten. Ihr Status im Leben ist der der “Gattin von …”. Die anwesenden Damen prahlten erst stundenlang mit ihren hochbegabten Kindern und Enkeln und danach ging es um Golf und Tennis. Ich war kurz davor, am Tisch einzuschlafen, als die Unterhaltung auf ein Thema kam, das auch mich interessierte. Wie gehen Frauen mit dem Altern um? „Es braucht schon Mut, um als Frau über 50 überhaupt noch in die Sauna zu gehen.“, sagte die sehr blonde und gertenschlanke Gastgeberin. Hm. Ich bin gut zehn Jahre älter, etwas rundlich und ich sauniere ausgesprochen gern. Der Satz beschäftigte mich also eine Weile. Stimmte er überhaupt? Ich spürte, dass sich alles in mir gegen ihn wehrte. Aber war da nicht mal mein teures Jahresabo für das schicke Sportstudio gewesen, das ich schon nach kurzer Zeit ruhen ließ, weil alle dort wahnsinnig jung, durchtrainiert und makellos waren und ich mich unter ihnen wie eine Hundertjährige fühlte? Jedenfalls bis ich mich wieder an diese Geschichte erinnerte.

Sie liegt viele Jahre zurück. Damals ging ich jeden Freitagnachmittag mit einer Freundin in die Sauna. Ich mochte dieses Ritual zum Ende einer Arbeitswoche und ich mochte diese Sauna. Sie war nicht so überdekoriert wie andere Saunen, sondern ganz minimalistisch und klar. Es gab innen und außen Schwimmbecken, dazu die mir wichtige Dampfsauna, einen Kamin, in dem am Abend immer ein Feuer loderte und – der Entspannung nicht unzuträglich – die neuesten Zeitschriften aus dem Lesezirkel. Zwischen den Saunagängen tupften wir den Inhalt sündhaft teurer Ampullen auf unsere Gesichter, aßen Waffeln mit Sahne, Zimt und Zucker und manchmal, also eigentlich eher selten, tranken wir einen dreifarbigen Likör in den Farben von Jamaica. Doch bei einem Besuch war plötzlich alles anders.

Beim Betreten des Umkleideraums bemerkte ich sie sofort. Hinten links in der Ecke. Sie wirkten auf den ersten Blick fast wie eine Kunstinstallation, die sich hierher verirrt hatte. Aber es waren zweifelsfrei zwei Holzbeine, sehr akkurat nebeneinander platziert. Oberschenkel, Unterschenkel und die in braunen Frauenschnürschuhen steckenden Füße. Auweia, murmelte ich. Meine Freundin sagte gar nichts. Wir entkleideten uns und zogen die Bademäntel an. Ich warf nicht, wie sonst, meinen ganzen Krimskrams einfach in den Schrank, sondern faltete sorgfältig jedes Kleidungsstück zusammen, legte es anschließend auf einen kleinen Stapel, den ich feinsäuberlich in meine Saunatasche einräumte, die ich dann umständlich im Schrank verstaute. Unter der Dusche schrubbte ich an mir herum, als sei ich ein Bergmann, der gerade seine Schicht unter Tage beendet hatte. Sogar meine Haare schamponierte ich, spülte den Schaum mit Wasser aus, trocknete sie mit einem Handtuch und kämmte sie. Meine Freundin wartete vor der Dampfsauna auf mich. Rechts neben der Tür stand ein kleines Holzbrett mit vier Rollen.

In der obersten Bank der Kabine saß nur ein Gast. Durch den Dampf hindurch erkannte ich die Umrisse der Dame ohne Beine. Wir grüßten, sie grüßte zurück. Wir breiteten unsere Handtücher auf der untersten Bank aus und legten uns darauf. Ich schloss die Augen und versuchte zu vergessen, mit wem wir in der Sauna saßen. Natürlich vergeblich. Wie ist sie dort heraufgekommen?, fragte ich mich. Wie will sie nur wieder herunterkommen? Wie will sie denn überhaupt die Saunatür öffnen? Nach einigen Minuten knarrte das Holz, etwas raschelte und ich öffnete die Augen. Die Frau bewegte sich behände auf kräftigen Armen von der oberen Bank auf die mittlere, von dort an mir vorbei auf die untere Sitzreihe und auf den Boden. Meine Freundin fragte, ob sie helfen könne, sprang beherzt auf und öffnete die schwere Glastür. Die Dame bedankte sich und verließ den Raum. Durch die beschlagene Tür sahen wir, wie sie sich auf dem Rollbrett fortbewegte.

Wir trafen die Dame noch einige Male in der Sauna und bei einem Besuch kamen wir mit ihr ins Gespräch. Ich bin bis zu meinem schweren Autounfall immer gerne in die Sauna gegangen, erzählte sie uns freimütig.Doch nach meinen Amputationen habe ich mich zuerst nicht mehr getraut. Ich musste erst einmal lernen, mit meinem Handicap zu leben. Das hat gedauert. Ich brauchte viel Unterstützung, von Ärzten, von Freunden und Familie. Doch letztlich brauchte es vor allem eins: Verarbeitung und Zeit. Als es mir wieder besser ging, fand ich, ich sei es mir schuldig, mir meinen Spaß an der Sauna nicht nehmen zu lassen. Weil sonst etwas gesiegt hätte, das nicht siegen durfte. Am Anfang musste ich mich regelrecht in die Sauna zwingen. Ich hatte Angst vor diesen Blicken und der Beklommenheit der anderen. Den Gedanken an Krankheit und Behinderungen haben die meisten Menschen aus ihrem Leben verbannt. Für viele ist das ja immer noch ein Tabu, weil es sie an ihre eigene Endlichkeit erinnert. Anfangs versetzte ich mich immer in mein Gegenüber und sah mich mit den Augen der anderen. Das machte die ersten Saunabesuche anstrengend. Deshalb musste ich es regelrecht trainieren, zu saunieren und dabei innerlich ganz bei mir zu bleiben. Zuerst nahm ich Freundinnen zur Unterstützung mit, inzwischen schaffe ich es ganz gut allein.

Ich erzähle diese Geschichte, weil die Dame ohne Beine meine persönliche Heldin ist. Ihr außergewöhnlich schweres Schicksal setzt das, was die meisten von uns in ihrem Leben umtreibt, in Perspektive. Dazu zählt auch unsere Einstellung zu unserem Spiegelbild oder zu unserem Alter. Meine Sauna-Heldin hat mir gezeigt: Fuck the Falten! Fuck the Cellulitis! Fuck the Narbe! Sie mögen an manchen Tagen Kraft und Mut erfordern, aber es sind Dinge, die sich für das Geschenk eines langen Lebens in Kauf zu nehmen lohnen. Und jetzt aber Schluss hier. Mittwoch ist mein Saunatag.

4 Comments

  1. Regine Andratschke
    25/01/2018 / 11:51

    Ein toller Text-unsentimental und eindringlich!
    Weder anklagend noch mitleidig ,wunderbar und Mut machend !
    Danke dafür!

  2. Ursel
    Autor
    25/01/2018 / 16:40

    Liebe Frau Andratschke, ich danke Ihnen! Freut mich sehr, dass der Text Ihnen gefallen hat. Die Saunahandtücher mögen ja etwas größer geworden sein mit den Jahren, aber den Spaß an der Sauna lassen wir uns doch wohl nicht nehmen, oder? Herzliche Grüße!

  3. 11/02/2018 / 18:37

    Ein eindrucksvoller Post! Eine mutige Frau! Krankheit, Behinderung und auch Alter anzunehmen und sich selbst Entspannungsräume zu schaffen, das ist wunderbar.

    Liebe Grüße

  4. Ursel
    Autor
    11/02/2018 / 19:43

    Liebe Herbstbeauty,
    was Sie da schreiben, kann ich nur voll und ganz unterschreiben.
    Herzliche Grüsse zurück!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.