Dekadenblick … Weihnachtsbäume

baum2Schalten Sie in der ohnehin stressigen Vorweihnachtszeit doch einfach mal einen Gang runter und bestellen Sie Ihren Baum einfach online. Keinen Einkaufsstress. Keine Transportschwierigkeiten. Keine Nadeln im Auto.“ 

So wirbt der Online Shop von Hornbach für den Kauf des Weihnachtsbaumes!Kann dieses „Klick den Baum“ die schöne Tradition des Auswählens des ganz persönlichen Christbaums beim Weihnachtsbaumhändler unseres Vertrauens ersetzen? Sparen wir hier wirklich Zeit für Wertvolleres oder verfallen wir schon im Vorfeld der völligen Stillosigkeit der Generation „Online“? Und was ist mit Lametta, Kugeln und individuellem Baumschmuck? Reichen auch Tannenzweige? Müssen echte Kerzen wirklich sein? Mit unserem Dekadenblick schauen wir genauer hin! 

DSC04644Heiliger Bimbam! All die Jahre habe ich das Fest ganz klassisch gefeiert. Heiligabend, Familie, Bescherung, ein vielgängiges Menu wie aus dem Heft und die Gastgeberin – ich – kurz davor, in die Klapsmühle eingeliefert zu werden. Im Zentrum des Geschehens wie ein riesiger Fremdkörper die Nordmann-Tanne mit Lametta, Glitzer, Glimmer, Rotem, Grünem, Goldenem. Dreimal dürfen Sie raten, wer sich das Biest ins Auto gewuchtet und in den ewig zu kleinen Christbaumständer gepfercht hatte! Bis zum 6. Januar stichelte, stöchelte und nadelte sie vor sich hin und verschandelte alles zu einer kitschigen Puppenstube. Vor zwei Jahren hat sich unsere Familiensituation geändert und das war die Chance, die Weihnachtsrituale zu überdenken. Seitdem bedeutet Weihnachten: Ein offenes Haus, ein großer Topf Erbsensuppe – und: KEIN BAUM! Das ganze Deko-Wunderland, der ganze Plunder wurde abgeschafft. Seit Anfang Dezember stehen überall große, runde Kerzen und jede Woche kaufe ich einen dicken Strauß Amaryllis. So pur bleibt es auch an Weihnachten. Fühlt sich neu und gut an!

tanja2Plastiktannenalarm! Vor mittlwerweile wohl fast 20 Jahren. Und ich rebellierte! Natuerlich grundsaetzlich eine Lieblingsbeschaeftigung von Teenagern. Aber hier ging es doch um die Frage aller Fragen: to plastic or not to plastic. Selbstverstaendlich nur echt! So jedenfalls war – und ist – meine Meinung zum Thema Weihnachtsbaum. Wenn schon, dann aber auch richtig! Besonders viel Mitspracherecht hatte ich aber natuerlich nicht, und so gab es den Familienzuwachs in Plastik. Ich muss fairerweise sagen: so ganz verdenken konnte ich meiner Mutter die Entscheidung nicht. Ich erinnere mich lebhaft an die seltsamen Struenke die es manchmal gab – aus Sicht meines Vaters idealerweise aus dem Wald hinterm Haus, denn der Ostwestfale spart gerne. Und die komische Blautanne, die irgendeinen Pilz hatte, so dass ihr nach kurzer Zeit das Nadekleid ausfiel.  Oder der schicke ‘Bastelbaum’, bei dem die Kahlstellen mit anderen Zweigen verdeckt wurden – mit Hilfe selbstgebohrter Astloecher, denn erfinderisch ist der Ostwestfale auch. Solche Probleme gibts bei Erna – so hab ich den Familien-Plastikbaum bei der Ankunft getauft – nicht.  Erna ist ziemlich geradlinig. Ganz huebsch eigentlich. Und aus der Distanz sieht man auch nicht sofort, dass sie aus Plastik ist. Schoen geschmueckt ist sie auch. Aber eben nicht echt. Mensch, Erna, so richtig dicke Freunde werden wir einfach nie sein! Selber habe ich uebrigens gar keinen Baum – bin ja an Weihnachten gar nicht da. So halte ich es einfach mit einem schoenen Adventskranz. Und den gibt es hier in England ja nicht nur in ‘Tanne’, sondern auch in manch anderem Gruen. Mit getrockneten Beeren und kleinen Tannenzapfen verziert. Haengt der Englaender an die Haustuer. Ich finde so ein Kranz macht sich auch super auf dem Tisch im Wohnzimmer!

Heiligabend waren wir immer zu Hause, aber meist ging es noch in der selben Nacht oder am darauf folgenden Tag los zu dem Ort, an dem mein Vater gerade arbeitete. Die Weihnachtsbaumfrage wurde daher in der Regel pragmatisch entschieden. Winzig kleine Bäume waren dabei, die im Kofferraum mitkamen, ein selbstgebastelter aus Holzlatten und ich glaube, es war sogar eine Plastikversion mal darunter. Weihnachtsbaum light, könnte man sagen. Ein Zugeständnis, das wir zugunsten des Glamours of international business machen (fand mein Vater), eine praktische Entscheidung (fand meine Mutter), tragisch und sehr schade (fanden meine Schwester und ich).

In meiner ersten Wohnung, ein klitzekleines Apartment in Bochum, das war mir klar, würde es einen richtigen Weihnachtsbaum geben. Mit allem. Gab es auch. Und zwar genau ein Mal. Der Weihnachtsbaumoschi füllte fast mein ganzes Zimmer, nach kurzer Zeit nadelte das Vieh, was das Zeug hielt. Die Nadeln habe ich noch Jahre später im Teppich gefunden! Von meiner Weihnachtsbaumsehnsucht war ich geheilt.
Fortan beschränkte ich mich auf kreative Varianten, die Kugeln in der Wohnung zu dekorieren, gerne an der Lampe über den Esstisch, in meiner Palme im Flur oder in großen Silberschalen auf dem Wohnzimmertisch.

Dann trat dieser Mann in mein Leben und mit ihm eine schier unfassbare Weihnachtsbaumobsession.
Denn:

  • der perfekte Weihnachtsbaum steht im Wohnzimmer (nur eisenharte Verhandlungen mit erdrückenden Argumenten meinerseits haben dazu geführt, dass unserer nun im Flur stehen und dafür die 15 Gäste an einer langen Weihnachtstafel Platz nehmen dürfen).
  • der perfekte Weihnachtsbaum geht vom Boden bis zur Decke (dazu wird in einer abenteuerlichen Konstruktion die Spitze zunächst abgesägt, millimetergenau gekürzt und dann mit einem Zahnstocher verbunden neu aufgesetzt).
  • und: der perfekte Weihnachtsbaum ist schön (ich bilde mir ein, herausgefunden zu haben, dass es dazu genügt, mehrmals am Tag vor dem Baum stehen zu bleiben und laut zu sagen “Neee, was ist das ein schöner Baum. Also, der Baum ist schön. Was für ein schöner Baum.”)

Das Tolle ist, dass die ganze Baumgeschichte ein Komplettpaket mit Rundum-Sorglos-Service ist. Eine Woche vor Weihnachten bringt der selbsternannte Weihnachtsbaumbeauftragte den Baum heran, drei Tage vorher wird er aufgebaut, klassisch rot-gold wundervollst geschmückt, täglich bewässert und noch vor dem Einsetzen des Nadelprozesses fachgerecht wieder entsorgt.

Finde ich super. Sag ich ihm auch (dem Baum und dem Mann). Neee, was ein schöner Baum. Nur an einem könnte man noch arbeiten: früher war mehr Lametta.

Profilbild (Mittel)27.11.13: Habe beschlossen, Serviceleistungen in Anspruch zu nehmen. Klicke die NORDMANN-gold-TANNE bei Obi. Kräftig glänzend grün, 130-170 cm hoch.19,99 Euro. Onlinekauf finde ich toll!

28.11.13: Stelle fest, dass “rechtzeitig zum Fest geliefert bekommen” bedeutet, der Weihnachtsbaum wird mir am 29.11.13 zugestellt! Lese die Bestätigungs-Mail mindestens drei Mal. Freitag, der 29.11.13 ist und bleibt “rechtzeitig zum Fest”. Rufe bei Obi an und bitte um Aufschub. Geht nicht. Bitte um Stornierung . Geht vielleicht.

29.11.13: Auf meinem AB bedauert der Obi- Mitarbeiter, mich nicht erreicht zu haben. Ich könne jedoch zurückrufen. Mache ich. Jetzt bin ich wieder ohne vorweihnachtliche Serviceleistung. Nehme mir fest vor, im neuen Jahr nicht mehr voreilig zu handeln. Will den Baum bis zum letzten möglichen Termin, dem 16.12.13 bestellt haben. Stelle es mir sehr praktisch vor, wenn ein Weihnachtsbaum direkt an der Tür ausgeliefert wird. Kann den 15.12.13 kaum erwarten.

4.12.13: Schon Dezember! Komme in Versuchung Baumschmuck zu kaufen. Begnüge mich mich mit der brennenden Kerze des Adventskranzes. Sie ist dunkelrot und passt zu den rotschwarzen Essstäbchen mit den kleinen Lackbänkchen, die in der Schublade auf ihren Einsatz warten. Habe der Tochter versprochen, ein Weihnachtsessen ist Sushi. Lieferservice.  Nehme mir fest vor, im neuen Jahr keine voreiligen Versprechen zu geben.

16.12.13: “Klick den Baum”! Zweiter Versuch: “Klick den Baum”! Ich hab´s getan! Ich bin bereit! Was der Herrgott mir hat zugedacht, wird mir wohl ins Haus gebracht! In Erwartung…

19.12.13: Oh, du fröhliche! Mein “Nordmann” im Paket ist angekommen! Sieht auch ausgepackt prächtig aus! Wird zur Belohnung und uns zur Freude mit dem traditionellen silberfarbenen Familienbaumschmuck dekoriert! Vorweihnachtliche Serviceleistungen können gar nicht überbewertet werden!

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