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Über Leben, Liebe und Altern. Interview mit der Journalistin Jutta Küster

Jutta Küster traf mich wie ein Blitz. Ich begegnete der Journalistin im Sommer 2017 bei einem Kunstprojekt, deren temperamentvoller und energiegeladener Mittelpunkt sie war. Die Journalistin hat ihr Leben lang Rückgrat bewiesen. Rückgrat als Redakteurin bei „Radio Bielefeld“, Rückgrat bei der Betreuung von Geflüchteten, für die sie 2015 den „Bielefelder Integrationspreis“ erhielt und Rückgrat, wenn Neonazis aufmarschieren. Seit vielen Jahren erhebt sie unermüdlich ihre Stimme und engagiert sich ehrenamtlich: für Migranten, die Kunst und die Universität Bielefeld. Bei allem Engagement weiß sie aber auch, das Leben zu genießen. Wie Simone de Beauvoir und Sartre frühstücken sie und ihr Mann jeden Morgen im Café. Mit mir sprach die 71jährige Powerfrau über ihr Leben, ihre Karriere und ihr Alterskonzept.

1. Wie erlebst Du das Alter?

Alter heißt Veränderung! Ich habe solche Phasen des Veränderns schon oft im Leben mitgemacht. Deshalb weiß ich: Man muss etwas aufgeben. Einiges andere bleibt. Etwas Neues kommt hinzu. Ich würde das überschreiben mit: Wechsel! Für mein jetziges Alter bedeutet das: Ich muss einige Träume liebevoll beiseitelegen! Ich werde bestimmt nur noch schwerlich Tangotänzerin werden können ….oder auch Pianistin. Dafür habe ich durch bestimmte Erlebnisse, manchmal auch durch mühseliges Verarbeiten dieser Erlebnisse, eine ziemlich große Klarheit in meinem Denken und Handeln bekommen. Das ist sehr schön und gibt mir ein Gefühl von innerer und äußerer Freiheit. So etwas habe ich bisher in keiner Phase meines Älterwerdens erlebt.

2. Was sagt Dir das Wort „Ruhestand“?

„Ruhestand“ bedeutet für mich Stillstand. Ein simples Etikett, das einem von außen aufgedrückt wird wie ein rostiger Stempel. Es umfasst einen wie eine einschneidende Fessel: Du bist bewegungslos, nimmst nicht mehr aktiv am Leben teil. Ja, wie ich schon gesagt habe: Stillstand, und das auf ganzer Linie! Ich finde, dieser Begriff müsste auf eine spätere Lebensphase verlegt werden. Wenn ich nicht mehr in der Lage sein sollte, eigenständig zu agieren, dann bin ich im „Ruhestand“.

3. Was muss eine Frau im Alter lernen?
Ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu – und das hat erstmal noch nichts mit Alter zu tun! Was ich speziell im Alter erfahre, also lerne, ist, dass der Körper manchmal nicht mehr so schnell hinterherkommt, wie der Geist das eigentlich will. In meiner Fantasie traue ich mir noch viele Dinge zu, die dann durch körperliche Einschränkungen nicht mehr so ohne weiteres möglich sind. Z.B. ohne gut vorbereitetes Training den Jacobsweg zu gehen oder auch nur den jährlich stattfindenden „Hermann“ mitzulaufen! Ich lerne, ohne Traurigkeit und Wehmut, alte ‚Geschichten’ als ein Stück Lebenserfahrung zu verabschieden, und neue Eindrücke, Erlebnisse, Begegnungen, als Motor für das weitere Leben aufzunehmen.

4. Welche Vorteile hat das Alter in Deinen Augen?

Ich weiß, was ich will – und was ich nicht will! Nicht mehr will. Ich weiß, was mir guttut und was mich ’schädigt‘. Ich kenne meine Schwächen und kann sie gut annehmen. Ich kenne meine Stärken und kann mit ihnen mein Leben bunt gestalten. Ich finde mich selbst ganz liebenswert, nicht hinterhältig oder böse – ich kann gut mit mir leben.

5.Mit welchem Frauenbild bist Du aufgewachsen?

Ich bin 1948 geboren, bin in einer Kneipe aufgewachsen – mit einem autoritären Vater und einer schwachen, alkoholkranken Mutter. Mein Frauenbild war also eher von Anpassung, Unterdrückung, wirtschaftlicher und sozialer Abhängigkeit geprägt. ‚Du musst nichts Besonderes lernen, musst nur eine gute Ehefrau und Hausfrau sein, eine gute Mutter!‘ Nach meinem ersten (Ehe-) Versuch bin ich mit 23 Jahren ‚ausgebrochen‘, bin nach Berlin gezogen, habe nach meiner Ausbildung zur Erzieherin das Abitur nachgemacht und studiert. Unterstützt hat mich meine Großmutter, die dann auch eine Art Vorbild – ein besonderes Frauenbild – für mich war: Sie hatte ihren eigenen Stil, war politisch sehr interessiert, willensstark – und bis ins hohe Alter sehr auf sich und ihr Äußeres achtend. Als sie 86 Jahre alt war, ist sie mit mir nach Berlin gefahren, um mein Studentenleben kennen zu lernen; mit 92 hat sie noch eine Diät gemacht, ihre Fingernägel lackiert und politische Sendungen verfolgt. Kurz vor ihrem 100. Geburtstag – noch sehr klar im Kopf – hat sie sich liebevoll verabschiedet, ins Bett gelegt und ist gestorben. Sie war eine einfache, aber sehr besondere Frau, die mich schon sehr geprägt hat.

6. Welche Eigenschaften haben Dir geholfen, Dich in der männerorientierten Medienwelt durchzusetzen?

Das kann ich nicht klar beantworten; ich weiß es nicht so genau. Das hat ja eigentlich auch nicht immer geklappt. Für mich war wichtig, dass ich so gelebt und agiert habe, wie ich zu dem Zeitpunkt gerade gefühlt, gedacht, gelebt habe. Dadurch habe ich in dieser ‚männerdominierten Medienwelt‘ oft Nachteile gehabt, aber das war mir egal. Mir war es immer wichtig, dass mein Rückgrat gerade bleibt, und ich mit gutem Gefühl morgens in den Spiegel gucken kann.

7. Gibt es einen roten Faden in Deinem Leben?

Ja, Liebe! Achtsamkeit! Respekt! Toleranz! Liebe! Der rote Faden hat sich schon oft verknotet, das passiert auch immer wieder mal, aber nie so fest, dass ich ihn nicht wieder entwirren könnte.

8. Woran erkennt man, ob ein Leben gelungen ist?

Ich glaube, das lässt sich nicht so allgemein sagen. Das bedeutet vielleicht für jeden Menschen etwas anderes. Für den einen ist es gelungen, wenn er ‚mein Haus, mein Boot, mein Auto‘ hat. Für einen anderen ist es gelungen, wenn er einen guten Job oder Macht hatte oder vielleicht auch viel Geld. Für mich heißt ‚gelungenes Leben‘, dass ich mit mir und dem, was mich umgibt, zufrieden bin. Es hat in meinem Leben viele Turbulenzen gegeben. Viele Hochs und Tiefs. Gelernt habe ich nur aus den schwierigen Phasen. Das hat mir dann anschließend auch eine gewisse Gelassenheit und Stärke gegeben. Ich lebe gerne und bin mit mir in liebevoller Freundschaft. Ich finde mein Leben gut so! Gelungen!

9. Wie bereitest Du Dich auf das hohe Alter vor?

Ich versuche, nach einem Spruch des Dalai Lama zu leben: „Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist GESTERN , der andere MORGEN. Das bedeutet, dass heute der richtige Tag zum Lieben, Glauben und in erster Linie zum Leben ist.“ Ich habe eine überaus positive Lebenseinstellung und große Menschenliebe. Ich genieße das Leben und freue mich über viele kleine Dinge! Versuche, nicht still zu stehen, setze mich gegen Ungerechtigkeit und Benachteiligung ein. Bin weiterhin sehr neugierig – aufs Leben, auf meine Mitmenschen, auf das, was da noch kommen mag. Darum sind für mich auch die Worte des schwedischen Schriftstellers Per Oliv Enquist wichtig: „Eines Tages werden wir sterben. Aber an allen anderen Tagen nicht!“

Wenn Sie mehr über das Kunstprojekt erfahren möchten, bei dem ich Jutta Küster kennen gelernt habe, gehts hier entlang.

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