Butter bei die Fische

Ich freue mich, gerade in Neuseeland unterwegs zu sein. Neuseeland ist ein Stück Heimat – ein ganz grosses sogar. Aber der Besuch in diesem Jahr ist für mich ein wenig besonders, denn zufälligerweise fällt er genau mit dem 10-jährigen “Jubiläum” meiner Ankunft zu Beginn der Promotion in Neuseeland zusammen. Da ist es schön, genau zu diesem Zeitpunkt alte Freunde zu treffen, und durch Wellington zu streifen. Und wie immer sauge ich sie auf: die unglaublich starken Farben und das Licht – nur in Neuseeland gibt es solche Farben und solch intensives Licht. Beides vermisse ich bis heute eigentlich jeden Tag.

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Ein persönlicher “Dekadenblick” – Wellington, 2016

Aber, wie ich hier nun so in einem meiner Lieblingscafes in Wellington sitze (Floriditas), muss ich auch daran denken, wie es war, vor 10 Jahren. Da war ich gerade in Wellington angekommen. In Hannover war ich gestartet – am Flughafen flossen die Tränen – und dann über London und Los Angeles, also über die Westroute mit Air New Zealand, nach Neuseeland geflogen. Mit der NZ001 – bewusst ausgewählt, denn über die USA-Strecke konnte man damals zwei Koffer mit jeweils 32kg mitnehmen. Nicht schlecht, dachte ich mir, denn ich war ja schliesslich nicht für einen Urlaub im Flieger, sondern um in Neuseeland für drei Jahre meine Promotion zu machen.

Und so ging es los, ins grosse Abenteur: mit noch viel kürzeren Haaren, ohne Brille … aber mit fast 50kg mehr auf den Hüften! Ja, so war es vor 10 Jahren – da bekommt der Dekadenblick für mich auf einmal eine ganz andere Bedeutung.

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Ein persönlicher “Dekadenblick” – Wellington, 2006

Neuseeland sollte den richtigen Anfang ins Erwachsenenleben bringen. Klar, die Promotion! Aber ich hatte mir auch überlegt, dass es gut wäre, einige der Pfunde loszuwerden. Nicht, weil ich es alles so schrecklich gefunden hätte – nein! Ich kann ehrlich sagen: ich war immer stimmig mit mir.

Aber natürlich war mir schon seit langem klar, dass es für die Gesundheit nicht gut ist, diese ganzen Kilos rumzuschleppen. Verdeutlicht wurde mir das bei der ärztlichen Untersuchung für das Neuseeland Visum – denn dort musste ich, aufgrund des hohen BMI, gleich mal noch ein paar Sonderuntersuchungen machen lassen. Nein, so nicht: eine “Sonderuntersuchungs-Kategorie” wollte ich nicht für immer sein.

Also sagte ich: Kia Ora, Aotearoa – Butter bei die Fische!

Und los gings!

Und zwar tatsächlich los – per Pedes. Mit dem Tag der Ankunft in Wellington fing ich an, alles zu Fuss zu machen. Nur bei schlechtem Wetter oder am Abend ging auch mal mit dem Bus. Ein Auto habe ich mir mit Absicht nicht gekauft. Alles, was sich in einer Stunde zu Fuss erlaufen liess, wurde zu Fuss erlaufen. Und da ich bald im Stadtteil Kelburn wohnte hiess es auch: immer fröhlich die Hügel rauf und runter. Zudem stellte ich damals meine ganze Ernährung komplett um – weg vom heissgeliebten Deutschen Brot mit Wurst und Käse, hin zu viel mehr Gemüse, wenig Fleisch und überhaupt einfach weniger. Dafür aber viel mehr unterwegs – in der wunderschönen Landschaft Neuseelands war das nicht schwierig.

Die Pfunde purzelten schneller, als ich es gedacht hätte. Und so machte ich immer weiter, bis ich, zum Ende, bei der Abgabe der Doktorarbeit, den Stand erreicht hatte, den ich auch heute noch habe.

Beim ersten Weihnachtstreffen der Abi-Stufe, zu dem ich beim Halbzeit-Heimaturlaub gehen konnte, erkannte mich die Hälfte nicht. Ich gebe zu: dass fand ich schon irgendwie cool. Und ohne mich selbst zu sehr beweiräuchern zu wollen: ich bin auch ganz schön stolz auf mich! Vor allem, dass es keine Jo-Jo Problem gab. Keine wirkliche Diät gemacht zu haben ist dafür meiner Meinung nach ein Hauptgrund: Diäten bringen nur bei ein paar Kilochen mehr etwas. In allen anderen Fällen muss eine komplette Umstellung her.

Klar ist auch dass, obwohl es explizit niemals um die Frage des Aussehens ging, Kleidung mir nun doch viel mehr Spass macht! Und nicht nur, wegen diesem wunderbaren Blog und den allerbesten Mitbloggerinen. Nein, alleine deshalb schon, weil die Auswahl auf einmal eine ganz andere war. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, dass zum ersten Mal in einen Spielzeugladen durfte!

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Ein persönlicher “Dekadenblick” – Wellington, 2008

Aber es gab auch unerwartete Entdeckungen. Auf einmal war das “Problem” nicht, dass man die Hose nicht zu bekam, sondern dass ich Schwierigkeiten hatte, eine zu finden, die nicht zu locker um den Bauch herum war. Was mich auch faszinierte – und das klingt vielleicht etwas komisch, aber es war ein ganz eindeutiger praktischer Unterschied: Koffer packen war auf einmal viel einfacher. Es ging auf jeden Fall mehr rein!

Also: Danke, Neuseeland. Danke Wellington – zwar weiss ich natürlich, dass es vor allem meinem Willen geschuldet ist. Aber Du bist schon ein tolles Land, Wellington eine tolle Stadt. Mit den freundlichsten Menschen und schönsten Aussichten, so dass die ganze Lauferei zu Fuss auch für die Augen immer herrlich war.

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Wellington, the coolest little capital in the world

P.S.: Während des Abnehmens gab es nur drei Regeln – immer nur diese drei. Sie gelten bis heute.

  1. Was zu Fuss gemacht werden kann, wird zu Fuss gemacht.
  2. Ich darf alles essen, was ich will. Alles! Nur nicht jeden Tag.
  3. Ich mag mich. Immer! So, wie ich bin.

Also, ich sag ja: Butter bei die Fische. Nur nicht jeden Tag!

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