Brautkleid bleibt Brautkleid?

Nun ist es also so weit. Im Mai steht die Hochzeit meiner Freundin Ilka an, und als Trauzeugin gehört es sich natürlich, der glücklichen Braut bei der Suche nach dem perfekten Kleid zu helfen. Kann ja so schwer nicht sein, oder?

Tja. So kann man sich irren! Eigentlich dachten wir, dass man mit Mitte vierzig weiß, was man will. Nicht zu teuer soll das gute Stück sein, schlicht und kurz. Immerhin ist es die zweite Ehe und „nur“ eine standesamtliche Trauung, die auf der kleinen Nordseeinsel Pellworm gefeiert wird – da wollen wir es nicht übertreiben.

Aber schon an der (nicht vorhandenen) Planung merkt man, dass die „Ganz-in-Weiß“-Inszenierung bisher nicht die unsre war. Denn als ich mich im Internet ein bisschen schlaumache, weil die Braut aus ihrer kleinen Universitätsstadt zu mir nach Stuttgart kommt, stelle ich fest, dass es – huch! – zig Brautmodengeschäfte gibt. Schnell suche ich ein paar davon heraus, damit wir nicht planlos durch die Stadt irren, aber wie sich zeigt, ist auch die Vorstellung, von Geschäft zu Geschäft zu ziehen, reichlich naiv. Ohne Termin geht gar nichts – was bei näherer Betrachtung natürlich einleuchtet. Na ja, zu spät, das Wochenende steht, vielleicht klappt es ja doch noch spontan irgendwo.

Samstag betreten wir dann nervös (wieso bloß?) das erste, etwas günstigere Geschäft, in dem wir von einer sehr jungen Verkäuferin irritiert gemustert werden. Der Grund hierfür wird uns schnell klar: Die restlichen Bräute in spe sind circa zwanzig Jahre jünger als wir. Und sie sind mit ihren Großfamilien erschienen, die uns ebenfalls irritiert anstarren. Wir versuchen, die Blicke zu ignorieren, und fragen nach Brautkleidern, doch auch hier werden wir darauf hingewiesen, dass ohne Termin nichts geht. Da wir jedoch eine Reihe weißer Kleider entdecken, bitten wir darum, uns diese wenigstens ansehen zu dürfen. Die strenge Reaktion darauf: „Das sind Ballkleider!“. Ach so?! Einen Unterschied können wir beim besten Willen nicht erkennen, aber wir trauen uns, so unter Beobachtung, nicht, nachzufragen. Fotografieren darf man die Kleider, wie in den meisten Brautmodengeschäften, leider nicht.

Also auf zum nächsten Geschäft. Dort schiebt uns eine reizende Verkäuferin zwischen zwei Terminen (mit blutjungen Frauen und ihren Großfamilien …) ein.
Erst werden die kurzen, günstigeren Kleider anprobiert – denn das war ja der Plan. Ja, hübsch. Aber jetzt sind wir schon hier, da kann man doch mal eben in eine richtige Robe …? Nur so zum Spaß …? Gesagt, getan. Die Robe ist aus cremefarbener Rohseide, besetzt mit kleinen Röschen. Sie erinnert an ein Rokokokleid und ist ein bisschen kitschig. Einen Reifrock benötigt sie auch. (Wusste gar nicht, dass es so etwas noch gibt.) Es ist das Prinzessinnenkleid schlechthin.

„Also, das ist echt drüber, das bin ich nicht“, meint die Braut, als das Kleid vor ihr hängt. Dann hat sie es an. „Und, wie findest … heulst du?!“ Ja! Ich bin ganz gerührt von dem Anblick. Erklären kann ich es nicht, denn eigentlich kann ich weder mit Rüschen noch mit Blümchen etwas anfangen. Doch meine innere Prinzessin scheint anderer Ansicht. Auch die innere Prinzessin der Braut meldet sich plötzlich zu Wort. Denn so ein langes, festliches Kleid verändert einen. Man fühlt und bewegt sich darin anders, es ist etwas Besonderes. Und das ist man als Braut schließlich auch.

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Auch wenn es dieses Kleid nicht sein muss, da es doch ein bisschen wie eine Verkleidung wirkt, ist das nicht zu teure, schlichte, kurze Kleid nach der Anprobe Geschichte. Jetzt muss es eine Robe sein! Eine Alternative finden wir in diesem Geschäft nicht, also eilen wir zu einem der exklusivsten Brautmodengeschäfte der Stadt und versuchen auf dem Weg dorthin, uns den nicht unbeträchtlichen Preis für eine Robe schönzureden: „Es soll ja schon was Spezielles sein …“ – „Ich war ja auch nicht groß im Urlaub dieses Jahr …“ Dann sind wir da, machen einen Termin aus – und sind wenige Wochen später im Braut-Paradies.

Fortsetzung folgt…

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